Stadtkapelle Buchen

"Wohlklingender Melodienreigen" oder "bunter musikalischer Frühlingsgruß". Diese Metaphern taugen so gar nicht für das, was die Stadtkapelle Buchen in der voll besetzten Stadthalle präsentierte.

Das Frühlingskonzert, in vielen zusätzlichen Probestunden akribisch erarbeitet, war ein konzertantes Großereignis mit einer Klangfülle, die jeden, wirklich jeden Gast schlicht begeistern musste. Das zehnte Konzert unter der exzellenten Führung von Dirigent Alexander Monsch setzte einmal mehr Maßstäbe sehr weit über Buchen hinaus und adelte jede einzelne Musikerin und jeden Musiker, die hier Teil des Ganzen sein durften.

40. Geburtstag

Die Jugendkapelle unter der Leitung von Robert Dreksler eröffnete den Abend musikalisch. Über 40 junge Musikerinnen und Musiker gaben dem Publikum mit "Acclamations" die Anweisung, was von ihm an diesem Abend erwartet werden würde: Applaus! Zuvor hatte der Vorsitzende der Stadtkapelle, Christian Schulze, die Gäste begrüßt und der Jugendkapelle, die 1976 von Kurt Heller gegründet worden war, zum 40. Geburtstag - "man sieht's ihr gar nicht an" - gratuliert. Julia Nagy, selbst Musikerin in der Stadtkapelle, übernahm die Moderation charmant, informativ und wohltuend unaufgeregt. Nach dem weltbekannten "Earth Song" des King of Pop, Michael Jackson, empfanden die Jugendlichen mit "On the Edge of the sword" historische Schwertkämpfe nach. Mit dem berühmten Beatlessong "Hey Jude", für den vor bald 50 Jahren wohl die Großeltern der Nachwuchsmusiker geschwärmt haben dürften, verabschiedete sich die Jugendkapelle unter dem verdient großzügigen Applaus der Gäste.

Dann betraten die mehr als 70 Musikerinnen und Musiker der Stadtkapelle die Bühne und schon bei "Jubilance" vom singapurischen Komponisten Benjamin Yeo beeindruckte die ungeheure Klangfülle, die sich in dynamischen, breit orchestrierten Kontrasten präsentierte. Der Komponist Franz von Suppé ist vor allem mit Ouvertüren wie die "Leichte Kavallerie" im Gedächtnis geblieben. Ihre Berühmtheit verdankt sie der musikalischen Beschreibung eines feurigen Husarenritts durch die ungarische Steppe und im Wechsel dazu wunderschönen melancholischen Phasen. Walzerseligkeit erwachte beim "Blumenwalzer" aus Tschaikowskys Nussknacker-Suite, der gleichwohl für "Hornhaut auf den Lippen" einzelner Musikerinnen und Musiker verantwortlich war, wie Julia Nagy verriet.

"Eigentlich unspielbar"

Im "Ungarischen Tanz Nr. 1" von Johannes Brahms wurde noch einmal ungarisches Temperament deutlich, bevor mit dem "Marsch der Gardisten-Granatwerfer-Soldaten" von Semyon Tchernetsky ein "für Laienorchester eigentlich unspielbares" Werk zu Gehör gebracht wurde. Die Noten hatte Alexander Monsch eigens in Moskau bestellt, das Spiel aber wegen des sehr hohen Anspruchs dann doch verworfen - womit der Ehrgeiz der zugegebenermaßen zunächst "entsetzten" Musikerinnen und Musiker aber geweckt worden war. Eisern probten sie das Werk, bei dem parallel zwei Melodien gespielt werden müssen, und erhielten schließlich für die bewundernswerte Leistung den verdienten langanhaltenden Applaus - und eine Pause, um die "Knoten in Fingern und Hirn" wieder zu lösen.

Mit einem weiteren schwungvollen Marsch, dem "Milano Marsch" von Amilcare Ponchielli, meldete sich die Kapelle zurück. Dann ein krasser Themenwechsel: Trauer, Wut und Beklommenheit drückt die oscarprämierte Filmmusik aus "Schindlers Liste" aus, einem Film über den Holocaust und die Rettungsaktion eines deutschmährischen Industriellen. Julia Gauerhof aus Wuppertal, in Buchen als Tochter eines Musiklehrers geboren, hatte den Dirigenten zufällig in Paris getroffen und ließ sich für die Idee begeistern, mit ihrer Geige sehr einfühlsam und technisch - vor allem auch gemessen an ihrem jugendlichen Alter - absolut brillant die einzig dominante Klangfarbe im Hauptthema der Filmmusik von John Williams zu spielen. Die Stadtkapelle übte sich dabei in dezenter Begleitung. Julia Gauerhofs unumgänglicher Zugabe, dem höchst anspruchsvollen Presto aus der 1. Violinsonate von Johann Sebastian Bach, folgte der Sprung über den Ozean in den amerikanischen Bundesstaat Oregon, der in der zeitgenössischen Komposition von Jacob de Haan bei einer Zugfahrt landschaftlich und geschichtlich mit Indianern, Cowboys und Goldgräbern zum Leben erweckt wird. Diesem an Bildern reichen Lieblingsstück der Moderatorin folgte mit "By the rivers of Babylon" ein ähnlich eindrucksvolles Werk, das gar nichts mit Boney M., aber viel mit dem biblischen Psalm 137 zu tun hat. Ed Huckeby beschreibt hier durch verschiedene Rhythmen und Dissonanzen das Leid der verschleppten Israeliten.

Grundsteine gelegt

Vor dem laut Programm letzten Stück dankte Christian Schulze allen, die in irgendeiner Weise ihren Beitrag leisten zur erfolgreichen Arbeit der Stadtkapelle im Allgemeinen und zum Gelingen dieses Konzertes im Besonderen. Die enge Zusammenarbeit mit der Joseph-Martin-Kraus Musikschule und die dort erfolgende fundierte Ausbildung vieler Musikerinnen und Musiker wurde besonders lobend erwähnt: "Da werden die Grundsteine gelegt, auf die wir aufbauen können." Über herzliche Dankesworte durften sich auch der Förderverein - deren Mitglieder unter anderem für die Bewirtung sorgten - und alle Musikerinnen und Musiker sowie Alexander Monsch freuen: "Das große Engagement bei der langen Probephase ist nicht selbstverständlich."

Dann lebte mit den "Klezmer Classics" von Johan de Meij die untergegangene Welt osteuropäischer Juden durch die fröhliche und gleichzeitig wehmütige Musik ihrer traditionellen Feste auf. Hier glänzten als Gastmusiker die beiden jungen, mehrfach preisgekrönten Akkordeonspieler Alisa Winterholler und Vincent Fichtler, außerdem Celine Schäfer am Sopran-Saxophon und Maria Gimeno-Regal mit ihrem Englisch Horn. Als Zugaben wurden mitreißende lateinamerikanische Rhythmen gespielt: "Mambo Jambo" und "El Cumbanchero", aus dem sich der Salsa-Tanz entwickelte. Allein acht Musiker waren hier an Schlagzeug und Mallet-Instrumenten (Glockenspiel, Xylophon u.ä.) beteiligt und Alexander Monsch ließ es sich nicht nehmen, mit der Trompete die Soli zu spielen. Den endgültigen Schluss setzte die Stadtkapelle mit der Wiederholung des "Knoten verursachenden" russischen "Marsch der Gardisten-Granatwerfer-Soldaten".

Wunderbare Musik

"Wir müssen üben, weil wir dieser wunderbaren Musik ein schlechtes Spiel nicht antun können" hat Alexander Monsch in den Proben einmal gesagt, wie Bürgermeister Roland Burger in seinen kurzen abschließenden Dankesworten zu berichten wusste. Und auch, dass man "ein Bild mit drei, mit 30, aber auch mit 60 Farben malen kann". Fest steht: Die Stadtkapelle hat an diesem Abend mit über 70 Farben gemalt. Mindestens. sis

Auch Flüchtlinge waren zu Gast

Das Frühlingskonzert der Stadtkapelle Buchen setzte nicht nur in musikalischer Hinsicht Maßstäbe. Auch der Publikumszuspruch war so groß wie nie: Über 700 Gäste - mit rund 600 war gerechnet worden - verteilten sich unter anderem auf den Stufen der Empore.

Unter ihnen auch rund 30 Flüchtlinge aus den Leichtbauhallen und aus der Unterkunft im Veilchenweg. Für die meisten dürfte das Konzert eine ganz neue Erfahrung gewesen sein. Aber sicher nicht die schlechteste, die sie bisher in Deutschland machen durften...

© Fränkische Nachrichten, Dienstag, 22.03.2016